Tausende Tankstellen in Deutschland stehen im Verdacht, gegen die seit April 2026 geltende 12-Uhr-Preisregel verstoßen zu haben. Eine Auswertung des Verbraucherdienstes „Mehr Tanken“ auf Grundlage von Daten der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe zeigt: 2.995 von 15.240 untersuchten Stationen erhöhten ihre Preise bis zum Stichtag 11. Mai mindestens einmal zu einer nicht erlaubten Uhrzeit. Das entspricht fast jeder fünften Tankstelle.
Insgesamt registrierte die Analyse rund 17.000 mutmaßlich unzulässige Preiserhöhungen. Die Ergebnisse haben die Diskussion darüber neu entfacht, ob die Preisregel ausreichend kontrolliert wird und ob sie Autofahrer tatsächlich vor schwer durchschaubaren Preissprüngen schützt.
Was besagt die neue 12-Uhr-Regel?
Seit dem 1. April 2026 dürfen Tankstellen in Deutschland die Preise für Super E5, Super E10 und Diesel grundsätzlich nur einmal täglich um 12 Uhr erhöhen. Preissenkungen sind dagegen weiterhin jederzeit und beliebig oft möglich.
Mit dieser Regel möchte die Bundesregierung die starken Schwankungen an den Zapfsäulen begrenzen und für mehr Transparenz sorgen. Autofahrer sollen leichter erkennen können, wann das Tanken günstig ist, ohne mehrmals täglich plötzliche Preiserhöhungen befürchten zu müssen. Das Modell orientiert sich an einer ähnlichen Regelung in Österreich.
Fast jede fünfte Station war auffällig
Nach der Auswertung von „Mehr Tanken“ verstießen 19,7 Prozent der erfassten Tankstellen mindestens einmal gegen die Vorgaben. Um technische Verzögerungen bei der Übermittlung der Preise nicht fälschlicherweise als Regelbruch zu werten, wurde der Zeitraum zwischen 11.30 und 12.30 Uhr bei der Untersuchung bewusst ausgeklammert.
Gezählt wurden demnach nur Preiserhöhungen, die deutlich außerhalb dieses Zeitfensters lagen. Dennoch sprechen die Betreiberverbände nicht automatisch von vorsätzlichen Verstößen. Sie verweisen auf technische Probleme, unterschiedliche Kassensysteme und Schwierigkeiten bei der kurzfristigen Umsetzung der neuen gesetzlichen Vorgaben.
Große regionale Unterschiede
Besonders hoch war der Anteil auffälliger Tankstellen in Bayern. Dort sollen etwa 25,6 Prozent der untersuchten Stationen die Preise außerhalb der erlaubten Zeit erhöht haben. Auch Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen verzeichneten vergleichsweise viele Fälle.
In Berlin lag die Quote dagegen bei rund 8,2 Prozent. Die regionalen Unterschiede könnten unter anderem mit verschiedenen Betreiberstrukturen, technischen Systemen und der Intensität der Kontrollen zusammenhängen. Aus den Daten allein lässt sich jedoch nicht ableiten, warum einzelne Regionen deutlich stärker betroffen waren.
Frühere Analyse sprach von rund 60.000 Fällen
Bereits Ende April hatte das SWR Data Lab eine große Zahl mutmaßlich illegaler Preissteigerungen festgestellt. In den ersten drei Wochen nach Einführung der Regel wurden dort rund 60.000 auffällige Vorgänge registriert. Der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, sprach damals sowohl von möglichen technischen Anfangsfehlern als auch von „groben Abweichungen“.
Die unterschiedlichen Gesamtzahlen aus den Untersuchungen sind nicht unmittelbar vergleichbar. Sie beruhen auf verschiedenen Zeiträumen und Auswertungsmethoden. Gemeinsam zeigen sie jedoch, dass die Umsetzung der 12-Uhr-Regel in den ersten Monaten erhebliche Probleme verursachte.
Welche Strafen drohen?
Nach dem Kraftstoffpreisanpassungsgesetz können Verstöße mit einem Bußgeld von bis zu 100.000 Euro geahndet werden. Zuständig für die Verfolgung sind jedoch nicht allein das Bundeskartellamt oder dessen Markttransparenzstelle. Die konkrete Ahndung liegt bei den von den Bundesländern bestimmten Behörden.
Gerade zu Beginn der neuen Regel war noch nicht in allen Bundesländern eindeutig geklärt, welche Stellen die Verfahren übernehmen sollten. Deshalb konnten auffällige Preisänderungen zwar technisch erfasst werden, führten aber nicht automatisch zu einem Bußgeld. Zudem muss in jedem Einzelfall geprüft werden, ob tatsächlich ein schuldhafter Verstoß oder beispielsweise ein nachvollziehbarer technischer Fehler vorlag.
Tankstellenbranche fordert Änderungen
Der Bundesverband Freier Tankstellen kritisiert die Regel inzwischen grundsätzlich. Nach einer Verbandsumfrage sprechen sich viele Tankstellenunternehmen für eine Abschaffung oder zumindest eine deutliche Überarbeitung aus. Sie argumentieren, dass sich kurz vor 12 Uhr künstliche Nachfragespitzen bilden und die Stationen nach der Preiserhöhung zeitweise deutlich weniger Kunden haben.
Kritiker befürchten außerdem, dass Mineralölunternehmen vorsichtshalber höhere Preise ansetzen könnten, weil sie diese nach 12 Uhr bis zum folgenden Tag nicht mehr anheben dürfen. Ob die Regel Kraftstoffe insgesamt günstiger gemacht hat, lässt sich nach Einschätzung der Bundesregierung wegen der stark schwankenden Rohöl- und Marktpreise bislang nicht eindeutig feststellen.
Was bedeutet die Regel für Autofahrer?
Für Verbraucher ist wichtig: Nach der täglichen Preiserhöhung um 12 Uhr dürfen die Preise grundsätzlich nur noch sinken. Wer nicht dringend tanken muss, kann deshalb im Tagesverlauf Preisvergleichs-Apps nutzen und mehrere Stationen in der Umgebung beobachten.
Allerdings garantiert die Regel nicht, dass Kraftstoff am Abend an jeder Station am günstigsten ist. Wettbewerb, Standort, Einkaufskosten und lokale Nachfrage beeinflussen weiterhin den Preis. Auch größere Umwege lohnen sich nicht immer, weil Zeitaufwand und zusätzlicher Kraftstoffverbrauch die Ersparnis wieder aufheben können.
Fazit
Die 12-Uhr-Regel sollte die Kraftstoffpreise übersichtlicher und kurzfristige Preissprünge seltener machen. Die bisherigen Auswertungen zeigen jedoch erhebliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung: Fast 3.000 Tankstellen waren bis Mitte Mai auffällig, insgesamt wurden rund 17.000 mutmaßlich unzulässige Preissteigerungen registriert.
Ob es sich überwiegend um technische Fehler oder bewusste Regelverstöße handelt, müssen die zuständigen Behörden im Einzelfall klären. Zugleich wächst der politische Druck, die Regel nachzubessern oder ihre Wirksamkeit früher als geplant zu überprüfen.
Quellen
Bundeswirtschaftsministerium: Das Kraftstoffmaßnahmenpaket der Bundesregierung
Deutscher Bundestag: Beschluss zum Kraftstoffmaßnahmenpaket
SWR Data Lab: Tankstellen missachten die 12-Uhr-Regel
Tagesspiegel: Auswertung zu Verstößen an deutschen Tankstellen
Bild: Christian Jarlling / Unsplash. Symbolbild.